Was ist Tai Chi?

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Worauf baut Tai Chi Quan auf?

Die philosophischen Grundlagen bestehen wesentlich länger als Tai Chi selbst. Einige Grundbegriffe hier kurz zusammengefasst:

Daoismus

Dao xue, Daoismus, wird erstmals in der Han-Zeit (206 v. Chr. – 220) genannt und bezeichnet die Lehren von Laozi (ca. 6. Jh. v.Chr.) und Zhuangzi (wahrscheinlich 369-286 v. Chr.) Die Schulen des Daoismus weisen, obgleich der Daoismus ein extrem bunt ausgestaltetes Konstrukt ist, einige Gemeinsamkeiten auf, wie das Konzept des „Wegs“ (dao) , welcher der „Wirkkraft“ (de) gegenübersteht, weshalb der Daoismus auch „Schule des Dao und der Wirkkraft (dao de jia) heißt. Die Prinzipien des „Nicht-Handelns“ (wuwei) und der „Ruhe oder Unbewegtheit“ (jing) werden im Daoismus besonders hochgehalten.  Hinter der Schöpfung nimmt der Daoismus eine „mysteriöse Leere“ (xuanxu) an. Leitlinie ist die Kopie der Natur und ein gewisses Freiheitsdenken, das auch wie Anarchie anmuten kann. Der Daoismus sieht das jetzige Leben als das einzige und entwickelt kein Konzept individuellen Überdauerns nach dem Tod – das erklärt das breite Spektrum von Langlebigkeitstechniken, die in seinem Einflusskreis entwickelt wurden.

Qi

Qi ist DAS zentrale Konzept der chinesischen Lebenswissenschaften. Das chinesische Schriftzeichen setzt sich aus den Bildern von Dunstbildung über Reis zusammen. Die Bedeutung von Qi ist vielschichtig; es kann Atem, Luft, Dampf, Wetter aber auch Kraft, lebensspendendes Prinzip, Temperament, Veranlagung usw. heißen. In allen chinesischen Philosophien wird dem Qi zugestanden, dass es sich sammeln oder verstreuen, trübe oder klare Zustände annehmen kann, genauso wie es auch verstopfen oder abfließen kann. In der chinesischen Auffassung entspricht der Wind einer Bewegung des Qi in der Landschaft, Emotionen sind hingegen eine Bewegung des Qi im menschlichen Körper. Qi kann Mittler zwischen Körper und Geist sein.

Yin und Yang

Yin und Yang bezeichnen gemeinsam das Taiji. Sie werden als die „zwei Qi“ bezeichnet, aber nicht im Sinn von getrennten Qi, sondern von zwei Zuständen des einen Qi. Das Schriftzeichen für Yin bedeutet Schattenseite des Berges – so steht Yin für das Dunkle, Unbewegte, Ruhende, Feuchte, Aufnehmende, Weiche, für das Weibliche, für die Handlungsphasen Metall und Wasser, für die inneren Aspekte eines Dings, für die Erde. Das Zeichen für Yang zeigt die Sonnenseite eines Berges – es symbolisiert Helligkeit, Bewegtes, Trockenheit, Hitze, Drängendes, das Männliche und die Handlungsphasen Holz und Feuer, es steht für die äußeren Aspekte eines Dings, für den Himmel.

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Taiji und Wuji

Das Schriftzeichen für tai bedeutet „sehr“, „äußerst“, „extrem“, während jenes für ji „höchster Dachbalken“ meint, also ebenfalls ein Äußerstes. Zusammengesetzt heißt Taiji demnach wörtlich das „äußerste Äußerste“. Taiji bezeichnet damit das gemeinsame Wirken von Yin und Yang, die sich gegenseitige Pole (Äußerste) formen und fasst in dieser Beschreibung die Gesamtheit aller Kräfte in der Natur. Deshalb wird Taiji auch als äußerstes oder höchstes Gesetz, als ultimatives Prinzip übersetzt. Die allgemein bekannte Taiji-Grafik, die Yin und Yang als ineinander verwoben und aufeinander bezogen darstellt, stammt übrigens aus der Song-Zeit von dem Philosophen Zhou Dunyi (1017-1073).

Wuji heißt „kein (wu) Äußerstes (ji)“ und wird als das Chaotische, Undifferenzierte oder auch die Leere übertragen. Wuji wird der Ordnung des frühen Himmels (xiantian) zugerechnet, wohingegen Taiji dem späten Himmel (houtian) angehört. Wuji bezeichnet in der chinesischen Philosophie den Zustand einer dem Menschen und der Welt vorgängigen Einheit, während Taiji die Polarität der Welt meint, die aus der Spaltung von Yin und Yang gefolgt ist. Wuji ist der jüngere Begriff und wurde auch von Zhou Dunyi eingeführt. Wuji und Taiji bedingen einander: ohne Wuji kann es kein Taiji geben und umgekehrt. Nach dem Stadium des Undifferenzierten, so Zhou Dunyi, stellt sich das des „äußersten Äußersten“ ein, aus dem Yin und Yang, die beiden Instrumente des Taiji, hervorgehen. Diese wiederum erzeugen die fünf Wandlungsphasen (wuxing – Holz, Feuer, Erde, Metall, Wasser) und schaffen die vier Jahreszeiten. Die beiden Qi von Yin und Yang reagieren miteinander und erzeugen die 10.000 Wesen, welche das Leben erzeugen (shengsheng). Die 10.000 Wesen erzeugen sich immer wieder und wandeln sich unendlich.

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Übersetzung der philosophischen Prinzipien in die Bewegung –

Tai Chi Quan

Tai Chi Quan strebt ganz im Sinn der daoistischen Philosophie die Einheit zwischen Mensch und Kosmos an. Quan bedeutet Faust; im Zusammenhang mit Kampftechniken wird es benutzt, wenn mit bloßer Hand („leerer Hand“), sprich ohne Waffen gekämpft wird. Eine sinngemäße Übersetzung von Tai Chi Quan wäre also: „waffenloses Kämpfen nach dem höchsten Prinzip“.

Wie bei allen inneren Kampfkünsten kommt dem Qi im Tai Chi Quan eine grundlegende Bedeutung zu. Bei den Bewegungen soll das Qi fließen können, indem die Muskeln und Gelenke möglichst entspannt werden und die Bewegungen locker und fließend ausgeführt werden. Durch das Üben der Bewegungen soll sich das Qi im Körper mehren und der Übende in zunehmendem Maße in der Lage sein, das Qi wahrzunehmen und schließlich zu kontrollieren und sogar zu dirigieren.

In allen Bewegungen des Tai Chi Quan ist das wechselseitige, sich gegenseitig durchdringende Prinzip von Yin und Yang anwesend, in jeder einzelnen Bewegung werden jeweils von Beinen und Armen beide Aspekte ausgeführt. Anschaulich ist das auch in den zehn Grundregeln des Tai Chi Quan widergespiegelt: Den Kopf entspannt aufrichten – Die Brust zurückhalten und den Rücken gerade dehnen – Das Kreuz / die Taille locker lassen – Die Leere und die Fülle auseinanderhalten (das Gewicht richtig verteilen) – Die Schultern und die Ellenbogen hängen lassen – Das yi (Absicht, Intention) und nicht  (Muskelkraft) anwenden – Die Koordination von Oben und Unten – Die Harmonie zwischen Innen und Außen – Der ununterbrochene Fluss (die Bewegungen sollen fließen) – In der Bewegung ruhig bleiben.

Die Formen

Tai Chi Quan setzt sich aus verschiedenen Stilen und Formen zusammen, die jeweils eine andere Anzahl an Bewegungsfolgen haben. Die langsamen Bewegungen werden mit einer freien und tiefen Atmung koordiniert. Im Zentrum steht meistens eine so genannte Form, das ist ein klar umschriebener Bewegungsablauf aufeinander folgender, fließender Bewegungen. Eine Form setzt sich aus mehreren Bildern, also Einzelbewegungen, zusammen. Viele Formen werden deswegen nach der Anzahl ihrer Bilder benannt (TaiChi 13, eine Form, die 13 Bilder umfasst, die jeweils noch gespiegelt werden).

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