Was hat es mit der Unsterblichkeit im Daoismus auf sich?

Das Wudang Tai Chi ist eng verbunden mit der daoistischen Lebensweise und Philosophie. Das Yin Yang Symbol, das wir im Zusammenhang mit Tai Chi Chuan oft benutzen, ist eigentlich das Symbol des Daoismus. Ab einem gewissen Punkt im Tai Chi Training wird es notwendig, sich mit diesen Hintergründen etwas näher zu befassen. In den einzelnen Teilstücken der Formen hört man immer wieder abstrakte Worte wie zum Beispiel „Der Unsterbliche“. Den tieferen Sinn dahinter kann man zunächst wahrscheinlich nicht erfassen.

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Die acht (daoistischen) Unsterblichen

Das Dao

Da ist das Dao (der Weg) des Himmels, das Dao der Erde und das Dao des Menschen – so wird es gelehrt. Das Dao des Menschen, das ist der ihm von der Natur bestimmte Weg, den zu verlassen stets unklug und gefährlich ist. Ein überzeugter Daoist ist jemand, der danach strebt, so eng wie möglich im Einklang mit der Natur zu leben.

Drei Schätze

Jing (Essenz), Qi (Lebenskraft), Shen (spirituelle Energie) – das sind die drei Substanzen oder Energien, die in der daoistischen Übung von größter Wichtigkeit sind und deshalb im Allgemeinen die „Drei Schätze“ genannt werden. Obwohl sie hauptsächlich bei der Erläuterung der daoistischen Übungen von Interesse sind, ist es auch wichtig, sie im Zusammenhang mit der daoistischen Kosmologie zu verstehen. Die Daoisten glauben, dass diese drei Schätze auf allen Stufen des Seins wirksam sind – vom winzigsten Organismus bis zum weiten Makrokosmos selbst. In ihrer reinen Form sind sie zu subtil, um unmittelbar bemerkt zu werden, wir erkennen sie nur in den Umwandlungen, die sie verursachen. In einer gröberen und leichter zu identifizierenden Form sind sie auch im menschlichen Körper vorhanden. Nähren (das heißt erhalten und stärken), vermehren und veredeln, so unterstützen die drei Schätze den Erwerb jenes ungeheuren körperlichen und geistigen Reichtums, nach dem Daoisten ein Leben lang streben. Die Verfeinerung und Veredelung von Jing, Qi und Shen bilden den eigentlichen Inhalt der geistigen Bemühungen und Praktiken: um die Vitalität und die Lebensspanne des daoistischen Adepten zu erweitern und die natürlichen Vorräte seines Geistes zu mehren und zu läutern. Von Uneingeweihten oder Unbelesenen wird dieser Prozess aufgrund seiner poetischen und bildhaften Beschreibung oft völlig missverstanden.

Hier ein Beispiel:

„Den Drachen reitend schwebte er über die Welt, ließ sich in den Wolkenpalästen der Unsterblichen nieder, zog seine Bahn jenseits der glühenden Sonne und trat ein in die Höfe des Himmels.“

Meditation und die Kräfte des Geistes

Mit diesen Worten sollen die Seligkeit in der Meditation und die Kräfte des Geistes dargestellt werden. Allzu oft werden solche Beschreibungen jedoch viel zu wörtlich und ohne ausreichendes Hintergrundwissen aufgefasst. Aus diesen Missverständnissen resultierte die seit alter Zeit verbreitete Auffassung, daoistische Meister seien nichts weiter als Alchemisten. Tatsächlich hielt sich über Jahrhunderte die Annahme, Daoisten könnten unedle Metalle in Gold verwandeln und eine Droge herstellen, die ewige Jugend und Unsterblichkeit versprach. Die Begriffe „Goldenes Elixier“ und „Veredelung“ verweisen aber eigentlich auf psycho-physische Prozesse daoistischer Meditationspraktiken.

Im Buch des Goldenen Elixiers steht: Mit der Veredelung von Jing in Qi wird die erste Schranke überwunden – vollkommene Stille tritt im Körper ein. Mit der Veredelung von Qi in Shen wird die mittlere Schranke überwunden – vollkommene Stille tritt im Herzen ein. Mit der Veredelung von Shen in Xu (Leere) wird die letzte Schranke überwunden: Ego und Kosmos werden vereint. Das ist die wahre Bedeutung der heiligen Übung, ihrer mündlichen und schriftlichen Weitergabe, des Kultivierens und Nährens (von Jing, Qi und Shen). Es hat nichts mit der Herstellung einer „Pille“ oder eines „Trunks“ zu tun.

Stille

Müsste man auf ein einziges Wort reduzieren, das bei den Daoisten eine herausragende Bedeutung einnimmt, dann wäre es die „Stille“. Denn die Stille ist für alle Einsichten, Verbindungen und für das Zu-sich-kommen grundlegend und notwendig. In der Meditation wird die Stille geübt.

„Ungerührt von den Sturmwinden der Verhältnisse, ist des Einsiedlers Herz ein stiller See.“

Um die wahre Natur daoistischen Strebens zu verstehen, ist es unerlässlich, die Bedeutung von „Unsterblichkeit“ in jenem Sinn zu betrachten, den sie für die Mystiker und Adepten hat, die vollständig in das Geheimnis der Kultivierung des Dao eingeweiht sind. Ein Unsterblicher ist ein Mensch, der all seine körperlichen und geistigen Gaben voll und ganz eingesetzt hat, der die Leidenschaft abgeworfen und alle Begierden (mit Ausnahme der einfachsten und harmlosesten) abgelegt hat und auf diese Weise zu einem freien, unmittelbaren Dasein gelangt ist – zu einem Dasein so nahe an der Vollkommenheit, dass sein Körper lediglich eine Schale oder einen Behälter für seinen Geist darstellt.

„Keine Anstrengung ist nötig, einen Geist zu sammeln, der sich von allen Ursachen der Unruhe abgewandt hat.“

Das wahre Selbst

Ein Unsterblicher hat sich einer geistigen Wiedergeburt unterzogen, sich aus den Fesseln der Ichbezogenheit befreit und steht von Angesicht zu Angesicht seinem „wahren Selbst“ gegenüber. Ihm ist bewusst, dass dieses „Selbst“ nicht sein Eigentum ist, sondern nichts anderes als das erhabene, ununterscheidbare Dao. Mit dem Verschwinden seines scheinhaften Egos sieht er sich nicht länger als Individuum, sondern als das unwandelbare Dao, verkörpert in einer vergänglichen Form. Der Tod, wenn er nun kommt, bedeutet ihm nicht mehr als das Abstreifen eines abgetragenen Gewandes. So hat er ewiges Leben erreicht und ist bereit, wieder in die Grenzenlosigkeit des Seins einzugehen.

Ziel der Unsterblichkeit

Die Fantasie von der Unsterblichkeit des Körpers, von Fleisch und Blut, ist demnach eine sehr vereinfachte und unwissende Sichtweise der erhabenen Vorstellung der transzendentalen Unsterblichkeit.

„Unsterblichkeit“ ist der Begriff, mit dem Daoisten aller Bewusstseinsstufen ihr Ziel bezeichnen, daher wird der poetische Titel „Unsterblicher“ in gleicher Weise daoistischen Weisen, Meistern der Meditation und auch älteren Einsiedlern verliehen, von denen man, in Anbetracht ihrer Haltung und ihres Wissens höflich annimmt, dass sie ihr Ziel erreicht hätten.

Nimm die Dinge wie sie kommen – Emotionen beruhigen

Die Übungen der Daoisten fördern ein längeres Leben und unterstützen auch die körperliche Gesundheit. In der Stille und in der Meditation wird die Gemütsruhe geübt, mit den Qi Gong- und Tai Chi Übungen werden alle notwendigen Leitbahnen geöffnet und befreit, damit die Energie fließen kann und der Körper vital bleibt. Ist die Schale unseres Geistes – der Körper – stark und gesund, kann sich der Geist leichter ausbreiten. Dann kann auch der Körper die Stille besser zulassen.

„In Eile geht nichts, was der Mühe wirklich wert ist. Wo die Kultivierung des Dao kontinuierlich vorwärtsschreitet, nehmen Leidenschaft und Verlangen ganz von selbst ab; es besteht keine Notwendigkeit, sie zu unterdrücken.“


Buchempfehlung: „Wege der Weisheit: Der Taoismus“ von John Blofeld

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